Ein Buch schreiben. Kann ich es noch mal schaffen?

Ich sitze in meinem Schreibzimmer. Allein.

Das Licht ist gedämpft und gemütlich. Draußen hängt der Nebel tief, ist bis dicht an mein Fenster gekrochen. Es ist der erste November, den ich so richtig genieße. Das liegt an meinem Debütroman, den ich vor drei Wochen veröffentlicht habe. Ich werfe einen Blick auf die Taschenbuchausgabe, die neben mir auf dem Schreibtisch liegt, verweile einen Moment auf ihr und denke über die berührenden Kommentare nach, die ich in den letzten Tagen von meinen Lesern erhalten habe. Ich bin dankbar und überwältigt. Und dann überkommt mich die Angst:

Kann ich es noch mal schaffen? Kann ich noch mal ein Buch schreiben?

Ich habe mir sagen lassen, das Zweite sei schwieriger zu schreiben, als das Erste. Denn beim ersten Mal kennt man den Prozess noch nicht. Man schreibt „einfach“ und ist froh und stolz, es am Ende geschafft zu haben. Natürlich hat man auch da gewisse Erwartungen, aber die sehen jetzt ganz anders aus. Jetzt weiss ich genau, worauf ich mich als Autorin einlasse, welchen Herausforderungen ich gegenüberstehen werde und, dass es Leser gibt, die Erwartungen haben.

Anstatt zu schreiben, streune ich also unruhig zwischen meinem Leseplatz und meinen Bücherregalen umher.

Fange 1000 Dinge an und beende sie nicht. Ich habe eine Idee, aber es will mir einfach keine Geschichte einfallen. Wo ist sie, die Gunst der Inspiration? Ich suche sie und finde einen Schreibratgeber, der bis heute ungelesen in meinem Schrank liegt. Mit dem Finger fahre ich die einzelnen Kapitel im Inhaltsverzeichnis ab und entdecke schließlich das hier:

Inspiration! Ja, sie existiert. Irgendwie.

Joyce Carol Oates

Plötzlich kommen innere und äußere Kräfte zusammen, um mir den Weg zu ebnen. Ich hatte fast vergessen, dass es beim ersten Buch genauso war, denn ein Zitat von Virginia Woolf, auf das ich dann stoße, nimmt mir den Druck, jetzt schon alles über die neue Reise wissen zu müssen:

Ich glaube, dass man, wenn man einen Roman beginnen will, in der Hauptsache spüren muss, nicht, dass man ihn schreiben kann, sondern dass er auf der anderen Seite eines Golfes existiert, den Worte nicht überqueren können - dass man ihn nur in atemloser Furcht durchschwimmen kann. Ein Roman sollte, wenn er gut werden will, unschreibbar, aber gerade sichtbar erscheinen, so dass man neun Monate in Verzweiflung verbringt; und erst, wenn man vergessen hat, was man meinte, scheint das Buch akzeptabel zu sein.

Virginia Woolf in einem Brief vom 8. September 1928 an Vita Sackville

Unschreibbar. Genauso fühlt sich mein zweiter Roman gerade an. Aber natürlich kann ich es noch mal schaffen! Warum sollte ich es nicht können? Ich habe es einmal getan, ich tue es wieder. Es ist nur die Angst, die mich davon abhält.

Während des Schreibens bin ich aufmerksamer geworden, empfindsamer, mir selbst und der Welt gegenüber.

Das kann manchmal wehtun. Und es ist diese Wand, vor der ich gerade stehe. Mich erneut auf diesen Prozess mit meinen Protagonisten einzulassen, weil ich weiss, es wird wieder genauso sein, wie Virginia Woolf es beschreibt. Ich werde Monate in Verzweiflung verbringen. Und mein Gemütszustand wird schwanken zwischen Euphorie und Erschöpfung, zwischen pausenlosem Schreiben und frustrierenden Tagen, an denen ich das Gefühl habe nicht ein einziges brauchbares Wort zu finden. Doch ich erinnere mich daran, dass es genau das ist, was das Schreiben für mich ausmacht. Ich spüre das Leben dabei und ich kann gar nicht anders, als es immer wieder zu tun.

Denk daran: Du kannst alles sein!

Deine Johanna ♡

#WirKönnenAllesSein: furchtlos

Recent Comments

  • Ysabel Sureth
    17. November 2018 - 20:40 · Antworten

    Liebe Johanna, dein Buch hat mich sehr berührt…und ja es wird ein weiteres wunderbares Buch von dir geben.Bleib einfach ganz bei dir und sei gewahr, dass du der Welt schon einen Lichtpunkt gegeben hast.
    Y.

    • JohannaSchreibt
      20. November 2018 - 18:17 · Antworten

      Liebe Ysabel, ich danke dir von ♡ für deine schönen Worte. Das bedeutet mir sehr viel! Liebe Grüße, Johanna

  • Jenny
    2. Dezember 2018 - 7:47 · Antworten

    Liebe Johanna, nachdem ich gerade Dein Buch zu Ende gelesen habe, taumel ich innerlich, als wäre ich in einer anderen Welt. Wie volltrunken von Deiner schönen Geschichte. Ich habe schon lange kein Buch mehr so verschlungen und es hat den Weg genau zum richtigen Zeitpunkt zu mir gefunden. Was Du schreibst ist so wunderschön und es beschreibt in so einfacher und berührender Weise was wir sind. Den Weg den ich und Freunde gehen, was wir machen, was wir spüren und womit wir im Leben zu kämpfen haben. Deine Worte machen Mut und sie berühren. Ich danke Dir für Deinen Mut die Herzen der Menschen zu öffnen und zu verbinden

    • JohannaSchreibt
      4. Dezember 2018 - 13:11 · Antworten

      Liebe Jenny,
      ich danke dir von ♡ für deine wunderschönen Worte und das große Kompliment. Ich bin ganz überwältigt von deiner Rückmeldung und freue mich unheimlich über den Kontakt zu meinen Lesern. Zu erfahren, wie mein Buch bei dir angekommen ist und was es ausgelöst hat…das ist einfach unbeschreiblich und der größte Lohn für mich. Ich danke dir fürs Lesen und, dass du dir die Zeit genommen hast, hier ein paar Zeilen für mich zu hinterlassen. ♡♡♡

  • Andrea
    5. Mai 2019 - 8:59 · Antworten

    Liebe Johanna, ich habe soeben dein Buch zu Ende gelesen und bin zu Tränen gerührt. Dein Buch berüht mich ganz tief und ich bin dir dankbar für deine offenen Worte, die Wahrheit und die Erkenntnis, die du mit uns teilst. In vielem finde ich mich wieder und bin auch davon überzeugt, dass alles zum richtigen Zeitpunkt den Weg zu uns findet. Si auch dein Buch. Vielen Dank!
    Alles Liebe, Andrea

    • JohannaSchreibt
      20. Mai 2019 - 9:25 · Antworten

      Liebe Andrea,
      ich danke dir von Herzen, dass du mir eine Nachricht hinterlassen lasst. Das freut mich so! Und es freut mich natürlich umso mehr zu hören, dass dich mein Buch berührt hat, denn das ist einer der Gründe, warum ich schreibe. Vielen vielen Dank und ganz liebe Grüße, Johanna ♡

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